Bekannte Wingolfiten

Paul Tillich – Gelehrter von Weltruf

Paul Tillich – Gelehrter von Weltruf

„Ich bin kein ausgeklügelt Buch / ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“ Dieser Vers Conrad Ferdinand Meyers, ursprünglich auf Ulrich von Hutten gemünzt, könnte auch über Tillichs Leben stehen.

Es hatte Licht- und Schattenseiten. Auch sein wissenschaftliches Werk wird von jüngeren Theologen zum Teil kritisch gelesen. Dennoch ist sein hoher Rang unbestritten. Paul Tillich war ein Gelehrter von Weltruf. Wer in seine Gedankenwelt eindringen will, muss aber nicht unbedingt dickleibige Werke durcharbeiten. Sie ist auch in mehreren Taschenbüchern enthalten, die für jedermann bei einigermaßen gutem Willen lesbar sind.

Der Beitrag stammt von P. Riegelmeyer (Mst 54, E 55, H 02) und erschien ursprünglich in den Wingolfsblättern, der Zeitschrift des Wingolfsbundes.

Die Berliner Zeit

Paul Johannes Tillich (Be 1904, T 1905, H 1905) wurde am 20. August 1886 in Starzeddel bei Guben in der Neumark (heute polnisch) geboren. Er wuchs im elterlichen Pfarrhaus als Erstgeborener auf, ihm folgten noch zwei Schwestern. Auch sein Vater Johannes Tillich war Wingolfit (Be 1875, T 1876). Nach einer Laufbahn in der Provinz gehörte er in Berlin als Oberkonsistorialrat und Pfarrer an der (im Zweiten Weltkrieg zerstörten) Bethlehemskirche zu den Spitzen des kirchlichen Lebens.

Im Sommer 1904 legte Paul Tillich am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Berlin das Abitur ab. Er entschloss sich zum Studium der Theologie. Auf seinem Reifezeugnis steht die Bemerkung: „Interessiert sich für Philosophie.“ Damit waren die Weichen für sein künftiges wissenschaftliches Leben gestellt. Das Wintersemester 04/05, noch zu Hause verbracht, diente mehr dem Eingewöhnen.

Immerhin wurde Paul Tillich sofort im Berliner Wingolf aktiv. Dabei mag das Vorbild des sehr dominanten Vaters mitgeholfen haben. Im Wingolf machte er die Bekanntschaft von Hermann Schafft (H 1903, Be 1904, Bo 1913), der sein lebenslanger Freund werden sollte – und als solcher auch „Helfer und Führer“, wie Tillich selbst bekannte.

Wingolfit in Tübingen und in Halle

Tillichs zweite Universitätsstadt war Tübingen. Ein ehemaliger Conaktiver schrieb über ihn: „In meinem Tübinger Semester tauchte als Confux ein schmaler, bleicher Berliner auf (…) Er ging meist in tiefen Gedanken, etwas kurzsichtig und linkisch seines Weges (…) Es hieß, er habe schon als Gymnasiast Kants ‘Kritik der reinen Vernunft’ durchgearbeitet und machte ganz den Eindruck eines weltfremden Studierstubenmenschen. Das alles genügte, dass ich mich wenig mit dem blassen Jünger der Philosophie, der nicht reiten und fechten konnte, befasste.“ Das sollte sich allerdings rasch ändern! Der so urteilte, war Cph. Alfred Fritz (T 1904, H 1905, Ft 1925), der Tillichs enger Freund wurde und später dessen Schwester heiratete.

Paul Tillich setzte sein Studium und auch seine Aktivität in Halle fort. Die Hallenser Semester wurden entscheidend für seine wingolfitische Laufbahn und auch für seine theologische Entwicklung. 1907 wurde er zum Erstchargierten gewählt – ein erstaunlicher Vertrauensbeweis innerhalb einer Aktivitas von rund 80 (!) Köpfen, in der – im Unterschied zu heute – ein Überschuss an qualifizierten Kandidaten zur Verfügung stand. Mit Feuereifer stürzte er sich in die damals über viele Jahre hinweg im Bunde geführten Auseinandersetzungen um das Prinzip. Ein Streitpunkt war das Keuschheitsprinzip, das in Tillich einen kämpferischen Befürworter fand. Dies mutet einigermaßen absurd an, wenn man bedenkt, dass Tillich in den Zwanzigerjahren einen ausgesprochen lockeren Kurs in Sachen Keuschheit steuerte!

Studium und erste Berufsjahre

Über den Bundespflichten vernachlässigte Paul Tillich in Halle freilich das Studium nicht. Der unumstrittene Stern unter seinen Lehrern war der Dogmatiker und Neutestamentler Martin Kähler (H 1855). Die Hörsäle, in denen dieser las, waren stets bis auf den letzten Platz gefüllt. Tillich spricht in seinen Erinnerungen von dem „scharf geschnittenen Gelehrtenkopf, umrahmt von der ehrwürdigen … Künstlermähne“. Auch der Hallenser Wingolf, um den er sich viele Jahre gründlich kümmerte, brachte Kähler große Verehrung entgegen – er hieß allgemein das „Gewissen des Wingolfs“.

Nach Promotion in Breslau 1910 und Erwerb des Lizentiats (Halle 1911) wurde Tillich im August 1912 in der Matthäuskirche in Berlin zum Pastor ordiniert. 1912 bis 1914 war er Hilfsprediger im Arbeiterviertel Moabit. Hier begann er mit der Arbeit an seiner Habilitationsschrift über den Begriff des Übernatürlichen vor Schleiermacher; sie wurde 1916 fertiggestellt.

Erfahrungen im Krieg und in der Weimarer Republik

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Tillich, wie so viele von der gewaltigen Welle der nationalen Begeisterung mitgerissen, freiwillig zum Militär. Bis 1918 war er Feldprediger an der Westfront. Für seinen vor Verdun bewiesenen Mut wurde er mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet. Insgesamt jedoch hat ihn der Krieg gewaltig ernüchtert. Er begrüßte die Revolution von 1918 und die Weimarer Republik und war Gründungsmitglied der Berliner Gruppe
religiöser Sozialisten.

Von 1919 bis 1924 war Tillich Privatdozent an der Berliner Universität. Als Professor für Systematische Theologie in Marburg wurde er vom Denken seiner Kollegen Rudolf Otto und Martin Heidegger stark beeinflusst. 1925 bis 1929 wirkte Tillich als Professor für Philosophie und Religionswissenschaft an der TH Dresden. 1926 erschien sein erster großer Publikumserfolg „Die religiöse Lage der Gegenwart“. An der Universität Leipzig las er 1927 bis 1929 zudem Systematische Theologie.

Im Konflikt mit dem Nationalsozialismus

1929 folgte Tillich einem Ruf an die Universität Frankfurt/Main und übernahm als Nachfolger von Max Scheler eine Professur für Philosophie und Soziologie. Hier erreichte seine Kontroverse mit dem Nationalsozialismus ihren Höhepunkt, vor allem durch seine Kontakte zu jüdischen Studenten und Kollegen, etwa zu Max Horkheimer oder zu Theodor W. Adorno, der sich bei ihm habilitierte.

In seinem Werk „Die sozialistische Entscheidung“ von 1932 differenzierte Tillich zwischen Religiösem Sozialismus, dogmatischem Marxismus und romantischem wie revolutionärem Konservatismus. Nach dieser Vorgeschichte war es kein Wunder, dass er schon am 13. April 1933 vom Amt suspendiert und noch vor Ende des Jahres endgültig entlassen wurde. Das Buch fiel der landesweit organisierten Verbrennung missliebiger Schriften zum Opfer. Tillich hat die gespenstische Szene am 10. Mai 1933 in Frankfurt selbst beobachtet.

Danach hatte er in Deutschland keine Chance zu unabhängiger Arbeit mehr, er war sogar akut gefährdet. Glücklicherweise erkannten das auch andere, unter ihnen der prominente amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr (1892-1971), der Tillichs Theologie kannte und durch dessen Vermittlung Tillich nach der Emigration mit seiner Familie am Union Theological Seminary in New York unterkam. Später erhielt Tillich dort einen Lehrstuhl für Philosophie und Systematische Theologie.

Im amerikanischen Exil

Die Zeit des Eingewöhnens war nicht leicht, zumal Tillich erst Englisch lernen musste und ihm die Übersetzung seiner eigenwilligen Fachterminologie ins Englische große Mühe bereitete.

Später wurde er Professor in Harvard (1955-1962) – sein Ritterschlag in der US-amerikanischen Bildungswelt. In seinen letzten Lebensjahren lehrte er an der Divinity School der Universität Chicago. Die Kontakte nach Europa und Deutschland hielt er während der Hitlerzeit aufrecht. Er legte Wert auf die Feststellung, keine Zeile geschrieben zu haben, die Deutschland schaden könnte. Trotz häufiger Reisen in das Deutschland der Nachkriegszeit, beginnend schon 1948, kam eine dauerhafte Rückkehr in die alte Heimat für ihn offenbar nicht in Frage.

In Amerika wurde Tillich durch seine Vorlesungen, Bücher, Predigten und rege Vortragstätigkeit schnell bekannt. Seine eigene Erfahrung vom Leben auf der Grenze zwischen Glauben und Zweifel, Kirche und Gesellschaft, Heimat und Fremde schilderte er in „Auf der Grenze“ (1936, und seine Bejahung eines Sinns des Daseins auch angesichts des Nichtseins stellte er in „Der Mut zum Sein“ (1952, die dt. Übersetzung folgte schon 1953) dar.

Ein reiches Lebenswerk

Tillich erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen, u. a. den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1962). Die Laudatio hielt zu diesem Anlass Bischof Otto Dibelius. Reisen in den Nahen und den Fernen Osten und sein Buch „Das Christentum und die Begegnung der Weltreligionen“ (deutsch 1964) zeigen die Richtung seiner letzten Lebensjahre. Paul Tillich starb mitten aus der Arbeit heraus an den Folgen eines Herzinfarkts am 22. Oktober 1965 in Chicago. Seine sterblichen Überreste wurden in dem nach ihm benannten Park in New Harmony, Indiana, beigesetzt.

Tillichs Lebenswerk wurde aus diesem Anlass in den Wingolfsblättern von mehreren Autoren angemessen gewürdigt. Auch seine Werke wurden jeweils ausführlich rezensiert. Das bewegendste Denkmal hat ihm sein Leibfux, der Mediziner Heinrich Meinhof (H 1907, Be 1909), gesetzt, der seine Erinnerungen aus fast sechzig Jahren der Gemeinsamkeit in sehr persönlicher Weise zusammenfasste.

Vom Befragten weniger geschätzt war das Auftauchen von Hallenser Wingolfsreminiszenzen in Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“, die der Dichter in den USA brieflich aus Tillich herausgefragt hatte, freilich ohne zu verraten, wofür er sie benutzen wollte. In dem bewussten Brief steht auch der vielzitierte Satz: „Die schönste Zeit meines Lebens war, als ich x im Hallenser Wingolf war!“

Karl Barth, Rudolf Bultmann und Paul Tillich beherrschten als Dreigestirn die deutschsprachige evangelische Theologie des 20. Jahrhunderts. Tillichs Thema hieß: „Gott ist der Name für das, was den Menschen unmittelbar angeht.“ Darum konnte er sagen: „Wirklicher Atheismus ist keine menschliche Möglichkeit; denn Gott ist dem Menschen näher als der Mensch sich selbst.“ Jesus Christus ist und bringt das „Neue Sein“, das darin besteht, dass der Mensch nicht mehr von Gott entfremdet ist, sondern mit ihm und damit mit sich selbst und der Welt eins ist. Der Kern von Tillichs vielberufener Korrelationsmethode bedeutet, dass der Mensch hier wirklich als mündig-autonomer Partner Gottes und damit als Mensch ernst genommen wird. Uns, die wir als junge und alte Bundesbrüder in der Gemeinschaft des Wingolfs zusammenleben wollen, gilt die Herausforderung, uns dieser Anrede Gottes täglich neu zu stellen.

Bild: Richard Keeling, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
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Karl Zeiß – der „Olympiapfarrer“

Karl Zeiß – der „Olympiapfarrer“

Der Wingolfit Karl Zeiß (Gi 31, H 33, Dp 35) war evangelischer Seelsorger bei den Olympischen Spielen 1972.

Voller Hoffnung und Zuversicht wurden sie erwartet: Die olympischen Sommerspiele, die 1972, also vor einem halben Jahrhundert in München stattfanden. Ein frohes Fest des internationalen Sports sollte es werden. In München wollte Deutschland zeigen, wie sehr es sich verändert hatte, seit 36 Jahre zuvor in Berlin die Olympischen Spiele im Schatten der Hakenkreuzfahne ausgetragen worden waren. Das Land, das vor gar nicht so langer Zeit Europa und die Welt in einen schrecklichen Krieg gestürzt hatte; das Land, von dem die Shoah ausgegangen war – hier präsentierte es sich als geläutert. Zumindest im Westen des Landes hatte sich eine stabile Demokratie etabliert, war eine offene, tolerante Gesellschaft entstanden. Das war die Botschaft, die 1972 von München ausgehen sollte.

Das von palästinensischen Terroristen verübte blutige Attentat auf die israelische Olympiamannschaft bereitete der fröhlichen Stimmung ein jähes Ende, auch wenn der damalige IOC-Präsident Avery Brundage sich mit seiner Forderung „The games must go on“ durchsetzen konnte. An all das wurde in diesem September immer wieder erinnert, Gedenkfeiern wurden abgehalten, um eine angemessene Entschädigung der Angehörigen der Opfer wurde gerungen. Aber auch an sportliche Highlights der Olympiade von 1972 wurde erinnert.

Der Weg zum Sportseelsorger

Über eine Person, die zumindest am Rande eine Rolle spielte, wurde jedoch nicht berichtet: über den Wingolfiten Karl Zeiß (Gi 31, H 33, Dp 35), den „Olympiapfarrer“, der die evangelische Seelsorge während der Münchner Olympiade zu koordinieren hatte. Als Aktiver hatte Karl Zeiß im Gießener Wingolf eine Gruppe von Theologiestudenten organisiert, die sich dem absoluten Führungsanspruch der Nationalsozialisten und der „Deutschen Christen“ widersetzten und sich der Bekennenden Kirche zuwandten.

Nach seiner Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg und der nachfolgenden Kriegsgefangenschaft wurde Karl Zeiß Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, deren Synode er von 1954 bis 1988 angehörte. Hier fand er auch zu dem großen Thema, das ihn sein Leben lang umtreiben sollte: die Sportseelsorge. Mit Vorträgen und Büchern, etwa dem 1962 erschienenen Werk „Christ und Sport“, plädierte er für eine positive Einstellung der Kirche zum Sport und auch zu sportlichen Großveranstaltungen – ein Anliegen, das damals keineswegs selbstverständlich war. Voller Engagement initiierte und förderte Karl Zeiß den Dialog zwischen Kirche und Sportverbänden. Anlässlich eines Motorradrennens auf dem zwischen Gießen und Fulda gelegenen Schottenring zelebrierte er erstmals einen evangelischen Gottesdienst bei einer sportlichen Großveranstaltung. Als EKD-Beauftragter begleitete er die deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei fünf olympischen Spielen (Helsinki 1952, Rom 1960, Innsbruck 1964, Mexiko 1968 und München 1972). Auch bei den Fußballweltmeisterschaften von 1954, dem „Wunder von Bern“, und 1974 vertrat er die evangelische Kirche. Bei alldem war Karl Zeiß nicht blind gegenüber den negativen Auswüchsen im Leistungssport: „Mein Vater witterte auch bereits früh die ethischen Probleme, etwa den Betrug durch leistungssteigernde verbotene Substanzen,“ zitierte die Gießener Allgemeine Zeitung am 13. April 2012 Zeiß‘ Sohn Wolfgang.

Den Glauben zu den Menschen bringen

Karl Zeiß war es ein Anliegen, den Glauben, die Kirche zu den Menschen zu bringen. Deshalb engagierte er sich für die Sportseelsorge, deshalb initiierte er gemeinsam mit Erich Warmers (E Nstft 47, M 48, Ft 55) die „Campingseelsorge“, mit der er auch die Urlauber erreichen wollte, deshalb setzte er sich als Pfarrer in Frankfurt a. M. gemeinsam mit seiner Frau gegen Immobilienspekulation und Mietwucher ein.

Übertriebene Strenge?

Allerdings zeigte Karl Zeiß manchmal auch eine Strenge, die aus heutiger Sicht (und erst recht aus der Sicht eines rheinischen Katholiken, wie der Verfasser einer ist) befremdlich erscheint: So setzte er durch, dass ein Vergnügungslokal im Frankfurter Bahnhofsviertel namens „Himmel und Hölle“ den „Himmel“ aus seinem Namen streichen musste. Genüsslich zitiert die „Gießener Allgemeine Zetung“ in der o. g. Ausgabe in diesem Zusammenhang eine Schlagzeile aus der Nachtausgabe der Frankfurter „Abendpost“: „Der Sieg des Pfarrers, der ‚Himmel‘ muss weg!“ Auch gegen den vom Kölner Volksschauspieler Willy Millowitsch gesungenen Karnevalsschlager des Jahres 1960 „Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort“ ging Karl Zeiß auf die Barrikaden. Er fand, hier werde die Sünde verharmlost. Wenn das letzte Wort eines Menschen „Schnaps“ sei, so sei er weit entfernt von jeder Erlösung. In dieser Hinsicht werde in dem Lied der christliche Glaube lächerlich gemacht.

Das Erlebnis des Jahres 1972 Wie Karl Zeiß das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft erlebt hat, darüber konnte der Verfasser bislang kein Material finden. Aber es ist anzunehmen, dass diese Ereignisse nicht spurlos an Karl Zeiß vorübergingen, dass er in sportpolitische und seelsorgliche Gespräche involviert war, in denen sie eine Rolle spielten. Jemand, der bei all seiner – vielleicht bisweilen überzogenen – Strenge den Menschen so zugewandt war, wie Karl Zeiß, dürfte auch hier die Menschen im Blick gehabt und mit ihnen mitgelitten haben.

 

Bild: Gregor Baldrich, Deutsches Sport & Olympia Museum, Attribution, via Wikimedia Commons
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Harald Braun – bedeutender Regisseur

Harald Braun – bedeutender Regisseur

Die Geschichte des deutschen Filmschaffens wäre unvollständig, wenn man neben bedeutenden Regisseuren der Fünfziger- und Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts wie Helmut Käutner und Wolfgang Staudte den Namen Harald Braun (Be 19, Fr 20) unterschlagen würde.

Ihm gelang es ebenso wie diesen Kollegen, Filme zu drehen, die in jenen Jahren künstlerisches und ethisches Niveau mit dem Kassenerfolg verbanden. Es lohnt sich für uns, seiner hier zu gedenken: Harald Braun war nämlich Wingolfit! Er wurde am 26. April 1901 als Pfarrerssohn in Berlin geboren und wuchs auch dort auf. Als Wingolfit erscheint er erstmals in dem großen Nachkriegsvademecum von 1925 – schon als Dr. phil. und wiederum mit dem Wohnsitz Berlin.

Der Beitrag stammt von P. Riegelmeyer (Mst 54, E 55, H 02) und erschien ursprünglich in den Wingolfsblättern, der Zeitschrift des Wingolfsbundes.

Der Literaturkritiker

1924, fast noch als Student, wurde er Schriftleiter der Literaturzeitschrift „Eckart“. Er hatte selbst über Liliencron promoviert. Jetzt aber ging es um Werfel und Wiechert, um Benn und Döblin, um Thiess und Jünger, um Barlach und Wassermann. Gegen Ende von Brauns Arbeit am „Eckart“ trat auch Rudolf Alexander Schröder in diesen Kreis ein. Schließlich wagte Braun eine Zusammenfassung des bisher Geleisteten, der er den Titel „Dichterglaube“ gab. Das Buch fand starke Beachtung.

1932 wechselte Harald Braun ins Funkhaus an der Masurenallee. Dort übernahm er die literarische Abteilung und betätigte sich auch als Hörspielregisseur. Aus den ersten Monaten dieser Tätigkeit rührt seine Bekanntschaft mit dem Dichter Jochen Klepper her, die in dessen Tagebuchaufzeichnungen ihre Spuren hinterlassen hat.

Drehbücher und erste Regiearbeiten

Am 1. Oktober 1933 wurde Harald Braun beim Berliner Sender gekündigt. Aber er fiel sozusagen die Treppe hinauf. Obwohl er alles andere als ein Parteigänger der Nationalsozialisten war, gelang es ihm, in die Filmbranche einzusteigen. So etwas war damals noch möglich. Er betätigte sich zunächst als Drehbuchautor: Die Bücher zu den Filmen „Das Herz der Königin“ von 1940 (Zarah Leander als Maria Stuart!) und „Der Weg ins Freie“(1941, ebenfalls mit Zarah Leander) stammen von ihm Brauns erste Regiearbeit wurde der nach dem bekannten Roman von Otto Ludwig (1856) gedrehte Spielfilm „Zwischen Himmel und Erde“. Für die Außenaufnahmen zu diesem im Dachdeckermilieu spielenden Film ging Harald Braun in das damals – 1942 – noch unzerstörte Niederrheinstädtchen Xanten. Die Stadt bekam für sein Leben und Sterben schicksalhafte Bedeutung.

Durch seinen Erstling machte der Regisseur Harald Braun immerhin so auf sich aufmerksam, dass er bis Kriegsende noch ambitionierte Filme wie „Träumerei“ (1943, über das Leben Robert Schumanns, mit Mathias Wieman und Hilde Krahl) und „Nora“ (1945, nach Ibsens Drama) drehen konnte.

„Die Nachtwache“

Nach 1945 rückte Harald Braun erstaunlich schnell in die erste Reihe der deutschen Filmregisseure vor. Er avancierte 1947 zum Leiter der „Neuen Deutschen Filmgesellschaft“. 1949 kam der große Durchbruch mit dem Film „Nachtwache“, an den sich die älteren unter uns noch erinnern mögen. Harald Braun wagte es hier, in den Mittelpunkt der Filmhandlung zwei Geistliche zu stellen, einen evangelischen und einen katholischen, die in ökumenischer Eintracht zusammenarbeiten. So etwas hatte es im deutschen Film überhaupt noch nicht gegeben. Braun war durch seine Herkunft bis ins kleinste Detail mit dem christlich-kirchlichen Milieu vertraut.

Er arbeitete auch in diesem Film – ebenso wie in seinen späteren – mit der ersten Garnitur der deutschen Schauspielerei zusammen. Ihm standen bewährte, erfolgversprechende Kämpen aus Ufa-Zeiten zur Seite: René Deltgen, Luise Ulrich, Hans Nielsen – Letzterem gelang damit der Sprung ins Charakterfach. In der Rolle des Kaplans Imhoff trat ein Schauspieler erstmals vor das deutsche Kinopublikum, der damit schlagartig zum Filmstar der Nachkriegszeit wurde und bis zu seinem Tode auf der Leinwand wie auf dem Bildschirm in großer künstlerischer Wandlungsfähigkeit brillierte: Dieter Borsche. Er war zu dieser Zeit trotz seines jugendlichen Aussehens schon 40 Jahre alt und hatte einige Jahre Theater in der Provinz sowie die Kriegsteilnahme bereits hinter sich. Seiner Ausstrahlung als edler Charakter verdankte er dann noch eine Reihe weiterer Priester- und ärzterollen. Später konnte Borsche zeigen, dass auch ganz andere Charakterzüge in den von ihm verkörperten Gestalten steckten.

Harald Braun hat die in der „Nachtwache“ begonnene Linie nicht fortgesetzt. Es blieb einer der merkwürdigsten und isoliertesten Erfolge der Filmgeschichte. Binnen 18 Monaten sahen ihn sieben Millionen Menschen; er heimste eine Fülle von Auszeichnungen ein – vom Prädikat „Künstlerisch wertvoll“ bis hin zu zwei „Bambis“.

Brauns weiteres Schaffen

In den nächsten Jahren drehte Harald Braun in rascher Folge einen Film nach dem anderen. Er war in seinem Metier ein gefragter Mann. Ich erinnere mich, dass ich 1951 beim Berliner Kirchentag seinen Film „Der fallende Stern“ sah. Er gab neuerlich Dieter Borsche die Chance, seine Karriere als Lichtgestalt des deutschen Films auszubauen; außerdem aber ermöglichte er dem großen Mimen Werner Krauß, der durch seine Mitwirkung in dem Film „Jud Süß“ in der Film- und Theaterlandschaft der Nachkriegszeit völlig verfemt war, ein Comeback. Krauß durfte noch einmal – acht Jahre vor seinem Tode – vor einem breiten Publikum die schillernde Skala seiner reichen darstellerischen Möglichkeiten entfalten. 1952 drehte Harald Braun „Herz der Welt“, wieder mit Borsche, Wieman und Hilde Krahl, einen Film von ebenso hohem künstlerischen wie ethischen Anspruch über das Leben der österreichischen Pazifistin Bertha von Suttner.

Im Jahr darauf legte er den Spielfilm „Solange du da bist“ vor. Dieser Film markierte eine Wende in der öffentlichen Aufnahme von Brauns Schaffen. Er hatte, mit Maria Schell und Hardy Krüger, mit O. W. Fischer und Brigitte Horney ganz nach Publikumsgeschmack besetzt, die Geschichte der inneren Läuterung eines Traumfabrik-Regisseurs zum Thema, war also zum Teil ein Film über den Film. Erstmals wurden, neben reichlichem Beifall, auch Stimmen der Enttäuschung vernehmbar. Sie bemängelten eine gewisse Feierlichkeit, eine übersteigerte Neigung zu Symbolik und Allegorie.

Einen regelrechten Verriss erlebte Harald Braun schließlich mit seinem Film „Der letzte Sommer“ (1954) Auch wenn ihn die Evangelische Filmgilde zum „besten Film des Monats“ erklärte, schien er den meisten Kritikern ein Beweis für die These, dass sich hinter dem Regisseur, den einer seiner Bewunderer den „Humanisten und Moralisten unter den deutschen Filmschöpfern“ genannt hatte, ein verkappter Reaktionär, ein gefährlicher Apologet des Bestehenden verberge. Friedrich Luft, der Berliner Kritikerpapst, verstieg sich sogar zu dem Wunsch, es möge eine kleine Bombe platzen, damit das gefällige Edelmenschentum, wie es Brauns Filme beherrsche, zumindest einen Schock bekomme: „Was ist mit Harald Braun, dass er den Mut zur eigenen Courage am Ende doch auf triste Weise fehlen lässt?“

Trotzdem drehte Harald Braun in den fünfziger Jahren weiterhin Film um Film, darunter so ambitionierte wie „Königliche Hoheit“ nach dem Roman von Thomas Mann, wiederum mit Dieter Borsche und der inzwischen zum Publikumsliebling avancierten Ruth Leuwerik. Der „Zauberer“ äußerte seine Zufriedenheit über das Ergebnis. Bedauerlicherweise hat man ganz selten einmal die Chance, einen dieser Filme wiederzusehen.

Unverwirklichte Pläne

Fast interessanter als diese fertiggestellten Filme sind die Filmpläne, die Harald Braun aus den verschiedensten Gründen nicht verwirklichen konnte. So wollte er unter dem Titel „Die Zeit ist kurz“ das Leben Friedrichs von Bodelschwingh verfilmen. Dass dieses Projekt nicht zustandekam, lag offenbar nicht nur an wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Die Biografen reden recht sibyllinisch von innerkirchlichen Querelen und davon, dass es Braun trotz vieler Drehbuchentwürfe nicht gelang, seine Sicht von diesem großen Kirchenmann mit der in Bethel gehüteten Tradition zur Übereinstimmung zu bringen. Wie auch immer – was hätte das für ein Film werden können, besonders wenn es auch noch gelungen wäre, die Rolle Bodelschwinghs mit einer angemessenen Schauspielerpersönlichkeit zu besetzen!

Schmerzlich war es für Harald Braun auch, dass er das schon weit vorangetriebene Projekt einer Verfilmung der „Buddenbrooks“ in andere Hände legen musste. Er wollte gerade zu den Dreharbeiten abreisen – da warf ihn ein erster Herzinfarkt auf ein langes Krankenlager. 1960 dann trat er wieder ganz gesund und unbeschwert noch einmal in ein Berliner Atelier, um für die Länge eines Spielfilms seine Arbeit in gewohnter Weise zu tun. Danach machte er sich auf den Weg, um Motive für das Fernsehspiel „Die Hochzeit der Feinde“ (nach der Novelle von Stefan Andres) zu sammeln.

Die erste Arbeit für das neue Medium sollte die erwünschte Bewährungsprobe nach dem Verblassen seines Ruhms als Filmregisseur werden. Die Schauplätze für die Außenaufnahmen suchte er in seiner Lieblingslandschaft am Niederrhein. In Xanten, der Stadt, wo sein erster Film spielte, wo er auch immer wieder einmal aufgeführt wird, wo sich ältere Bürgerinnen und Bürger noch lange an ihr Mitwirken als Statisten und an das unzerstörte Vorkriegsgesicht ihrer Stadt erinnerten – in Xanten in einem Hotelzimmer holte ihn am 24. September 1960 der Tod ab. Begraben liegt er in München.

Harald Brauns Filme – darin sind sich die Biographen einig – sind auch Ausdruck dessen, was er selbst als Christ glaubte und fühlte. Insofern steckt in ihren Bildern und Worten auch ein Stück Verkündigung! Er gehörte der Kunst, er gehörte seinem Publikum, er gehörte der Welt. Aber wir Wingolfiten dürfen sagen: Er war auch Geist von unserem Geiste.

Bild: Harald Braun (Be 19, Fr 20) auf einem Pressefoto aus dem Jahr 1949.
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